BOSSA ESPERANÇA

2.Juni 2021 – die Badischen Neuesten Nachrichten – kurz BNN genannt veröffentlichten eine Rezension über die aktuelle CD BOSSA ESPERANÇA

Martin Müller überzeugt mit eigenen und fremden Kompositionen auf seiner neuen CD

Quirlig und leicht

Mit einer chromatisch hinab- und hinaufschreitenden Pendelbewegung greift dieser Bossa Nova ins Gemüt des Hörers, krallt sich fest und ist im weiteren Verlauf der schwankende Grund einer großräumigen, instrumental gedachten Melodie. Dissonanzen im harmonischen Gerüst sind frisches Gewürz und alles gemeinsam ergibt ein melancholisches Ganzes. Bossa Esperança – Bossa der Hoffnung – heißt dieses feine Stück Gitarrenmusik. Eine zögerliche Hoffnung, die weiß, dass sie auch enttäuscht werden kann.
Der Karlsruher Gitarrist Martin Müller, Kenner und Könner der brasilianischen Gitarrenmusik, hat das Stück geschrieben, als im Sommer 2020 die ersten öffentlichen Konzerte möglich wurden. Jetzt ist dieser Bossa Esperança das namengebende Stück auf seiner neuen CD mit Solostücken für die akustische Gitarre. 14 neue Aufnahmen von eigenen und fremden Kompositionen sind dort versammelt, dazu kommen drei Bonustracks aus den Neunzigern, die Müller mit dem brasilianischen Gitarristen und Sänger Oscar Ferreira eingespielt hatte.
Martin Müller ist kein Name, der dem geläufig wäre, der nur gelegentlich vom breiten Flussbett des Mainstreams in die sprudelnden Seitenarme eindringt. Für diejenigen aber, die sich dort umsehen, ist Müller eine Institution. Seit 1979 hat er Alben veröffentlicht – 30 Stück sind es mittlerweile – spielt als Solist oder in Ensembles den lateinamerikanischen Jazz auf der akustischen Gitarre, entdeckt die Musik der Beatles für sein Instrument neu und überträgt auch schon mal Gershwins Rhapsody in Blue, ursprünglich für die 88 Tasten des Klaviers geschrieben, auf die 6 Saiten der Gitarre.
Nebenher schreibt er eigene Stücke, über 500 sind es bisher. Neun davon sind auf der CD zu finden und fügen sich bruchlos in die Gruppe der anderen acht Stücke ein, die von so bedeutenden Musikern wie Baden Powell und Antonio Carlos Jobim geschaffen wurden. Da ist zum Beispiel der Petit Valse Powells. Ein quirliges, rasch dahinrollendes Stück, dem der Tänzer ob des rasanten Walzerschritts nur folgen kann, wenn er über den leichtesten Fuß verfügt. Zum Tanzen der Fuß, zum Spielen die Finger: Müllers Finger gleiten leicht, auch im schnellen Skalenspiel verliert er nie den Ausdruck, gibt der Phrase immer die Gestalt eines Ganzen, sodass wirkliche Bögen entstehen.
In den Eigenkompositionen Rua Baden Powell Nr. 1 und 3 kann man das wunderbar nachvollziehen. Der Rhythmus bleibt immer federnd und im Fluss, einem Fluss, dem man sich gerne anvertraut, einen rhythmischen Fluss, wie er Martin Müllers Interpretation von Jobims Samba do Aviao durchzieht, an dessen Ende auch kurz das Mädchen aus Ipanema vorbeischlendert und zumindest beim Rezensenten eine große Sehnsucht nach Sommer und südamerikanischen Alkoholika ausgelöst hat. Bossa Esperança, Bossa der Hoffnung – ja, das passt. Jens Wehn BNN 2.6.2021